Migräne - mehr als nur Kopfschmerzen
Wenn ein einseitiges Pochen in der Schläfe hämmert oder sticht, wenn die ganze Stirn von einem Schraubstock zusammengepresst
wird, wenn Übelkeit und Erbrechen die Schmerzen begleiten, wenn schon der kleinste Lichtstrahl quält und normale Geräusche oder
Gerüche fast zum Wahnsinn treiben, dann handelt es sich um eine handfeste Migräne, die gerade mal wieder erbarmungslos zuschlägt.
Während einer solchen Attacke ist es unmöglich, am normalen Leben teilzunehmen. An Arbeit oder Vergnügen, an soziale Kontakte ist
nicht zu denken. Jeder Gedanke fällt schwer, denn der steht für Kopfarbeit, und gerade der ist außer Kraft gesetzt. Ein abgedunkelter
Raum scheint oft der einzig mögliche Rückzugsort, die Flucht in's Bett und wenn möglich etwas Schlaf, verbunden mit der deprimierenden
Aussicht, dass es bis zu drei Tage dauern kann, bis der höllische Spuk wieder ein Ende hat.
In Deutschland werden rund 14% aller Frauen von Migräne heimgesucht und rund 8% der Männer, am häufigsten im Alter zwischen 35 bis
45 Jahren - in dieser Phase sind dreimal mehr Frauen betroffen als Männer. Früher wurde die Migräne gern als eine typische Ausrede
der Weiblichkeit abgetan, wenn es darum ging, die (ehelichen) Pflichten zu erfüllen. Diese Sichtweise hat sich grundlegend geändert,
auch durch die Bandbreite der Betroffenen in unserer Gesellschaft, von der Putzfrau bis zum Spitzenmanager. Rund 8 Millionen
Menschen werden regelmäßig durch die Migräne außer Kraft gesetzt, eine Zahl, die auch eine volkswirtschaftlich bedenkliche Bedeutung
hat. Hinzu kommt, dass immer mehr Kinder unter dieser "Volkskrankheit" leiden und im Unterricht fehlen. Oft steckt das Leiden schon
als Veranlagung in der Familie, wenn Vater oder Mutter bereits betroffen sind. Dahinter steckt auch der Aspekt, dass im Familienverbund
die gleichen auslösenden Faktoren auf die Mitglieder einwirken.
Wie eine Migräne entsteht, ist wissenschaftlich nicht definitiv geklärt. Es müssen auf jeden Fall mehrere Auslöser, so genannte
"Trigger", zusammenkommen, um die gefürchtete Schmerzattacke auszulösen, denn diese stimulieren den Trigeminus-Nerv, der bei einer
Attacke bestimmte Substanzen - die Neurotransmitter - freisetzt, die wiederum Blutgefäße an der Hirnoberfläche erweitern und entzünden.
Zu den äußeren Auslösern zählen unterschiedlichste Faktoren wie hoher Arbeitsdruck, aber auch Entspannung nach Stresssituationen,
Wetterumschwung oder Klimawechsel, Hormonschwankungen oder Menstruation, manche Nahrungsmittel wie Schokolade oder Käse, zu wenig
Flüssigkeit oder zu viel Nikotin und Alkohol. Meist ist es eine Kombination dieser Faktoren, die zur Migräne führen, und wer sie kennt,
kann sie gegebenenfalls verhindern. Deshalb wird den Betroffenen oft empfohlen, ein Migräne-Tagebuch zu führen, um die wiederkehrenden
Symptome zu erkennen und zu vermeiden.
Die Migräne ist schon seit Jahrhunderten bekannt, bereits Hippokrates lieferte 400 vor Christus die Beschreibung einer Attacke mit
vorausgehender Aura (lateinisch für Ausstrahlung). Eine einfache Migräne hat keine Aura, rund 70% der Migräne-Patienten sind von dieser
Form betroffen. Eine klassische Migräne tritt mit einer Aura auf: Unangenehme Merkmale kündigen hier bereits im Vorfeld den Schmerzanfall
an, mit Schwindel, Augenflimmern, Sehstörungen, Taubheit oder Lähmungen. Verschwinden diese Anzeichen, dann schlägt der Kopfschmerz
erbarmungslos zu.
Leider gibt es nicht das e i n e Schmerzmittel, das bei allen Menschen sofort und sicher wirkt und die Symptome zuverlässig beseitigt.
Viele greifen zu rezeptfreien Mitteln, die ansprechen können, aber es oft nicht tun – vor allem wenn der Anfall mit Übelkeit und Erbrechen
einhergeht. Auch die neueste Entwicklung auf dem Pharmasektor, die verschreibungspflichtigen Triptane helfen z.B. nur dann gut, wenn sie
zum richtigen Zeitpunkt eingenommen werden. Wenn die Einnahme frühzeitig erfolgt, dann sind viele Patienten schon nach kurzer Zeit wieder
einsatzbereit. In letzter Zeit sind auch Medikamente zur Vorbeugung auf den Markt gekommen, ob diese im individuellen Fall angesagt sind
und weiterhelfen können, klärt am besten das Gespräch mit dem Arzt.
Auch wenn das quälende Schmerzempfinden alle Betroffenen eint, so fühlt doch jeder Mensch "seine" Migräne anders. Deshalb gibt es auch
die unterschiedlichsten Therapiemöglichkeiten, die für Linderung sorgen können. Die beste Voraussetzung bietet ein gesunder Lebenswandel.
Vor allem regelmäßiger Ausdauersport kann eine gute Stütze im Kampf gegen die Migräne sein, ob Jogging, Radfahren, oder Schwimmen.
Während einer Attacke sollte man allerdings auf Sport verzichten, und auch der Gang in die Sauna ist mit Vorsicht zu genießen, denn
die Temperaturschwankungen wirken oft als Auslöser! Ein regelmäßiger Wach- und Schlafrhythmus sollte ebenfalls beibehalten werden,
langes Ausschlafen am Wochenende ist nicht unbedingt empfehlenswert. Sehr sinnvoll in der Vorbeugung ist die Anwendung von
Entspannungstechniken, ob mit Übungen nach Jacobson oder Feldenkrais, ob mit autogenem Training oder mit Stressbewältigung.
„Ausprobieren, was einem gut tut“, das ist die Devise. Generell sollte man als Migräne-Patient versuchen, manches lockerer zu nehmen,
sich nicht unter Druck zu setzen und dem Leben mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Eine Empfehlung, die nicht nur für die
Migräne-Betroffenen Sinn macht: Don’t worry, be happy!
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